Auf kaum einem anderen Archipel liegen Wüste, Nebelwald, schwarzes Lavagestein, Kiefernwald, Hochgebirge und subtropische Küste so dicht beieinander. Die Natur der Kanaren entsteht aus einem ungewöhnlichen Zusammenspiel von Ozean, Passatwind, Höhenlage, Vulkanrelief und Isolation.
Viele Klimazonen auf kleinem Raum
Die Kanaren liegen im subtropischen Nordatlantik. Besonders prägend sind die Nordostpassate. Sie führen in den unteren Luftschichten feuchte Meeresluft heran. Darüber liegt häufig trockenere, wärmere Luft - es entsteht eine Temperaturinversion.
An den Nord- und Nordosthängen der höheren Inseln werden die feuchten Luftmassen zum Aufsteigen gezwungen. Wolken sammeln sich an den Berghängen und bilden das berühmte Wolkenmeer. AEMET beschreibt für die Passatlage eine feuchte untere Luftschicht und eine deutlich trockenere Atmosphäre darüber. Deshalb können auf derselben Insel wenige Kilometer voneinander entfernt üppig grüne Hänge und ausgesprochen trockene Landschaften entstehen.
Vom Lavaboden zum Lorbeerwald
Diese klimatischen Gegensätze schaffen sehr unterschiedliche Lebensräume. In den Küstenregionen überleben Pflanzen, die mit Trockenheit, Wind und Salz zurechtkommen. Höher gelegen folgen auf mehreren Inseln kanarische Kiefernwälder. In feuchten Passatzonen haben sich Lorbeerwälder erhalten - Relikte einer Vegetation, die früher in größeren Teilen des Mittelmeerraums verbreitet war.
Noch höher beginnt eine Landschaft, in der starke Sonneneinstrahlung, Wind, niedrige Temperaturen und große Unterschiede zwischen Tag und Nacht nur hoch spezialisierten Arten Lebensraum bieten.
Der kanarische Naturraum gehört zu den außergewöhnlich artenreichen Gebieten Europas. Die Inselisolierung hat zahlreiche endemische Arten und Unterarten hervorgebracht - Organismen also, deren natürliches Vorkommen auf einzelne Inseln oder auf den Archipel beschränkt ist. Der aktuelle Arten- und Naturschutz des Gobierno de Canarias führt diese besondere Endemitenvielfalt ausdrücklich als eines der Kennzeichen des Archipels.
Ein Archipel reicht unter Wasser weiter
Auch der Atlantik gehört zur kanarischen Landschaft. Weil die vulkanischen Inseln steil aus großen Meerestiefen aufsteigen und nur schmale Schelfbereiche besitzen, kommen tiefe ozeanische Lebensräume vielerorts ungewöhnlich nahe an die Küste.
Besonders sichtbar wird das an den Meeressäugern: In kanarischen Gewässern sind nach Angaben der Regionalregierung bis zu 28 Wal- und Delfinarten dokumentiert. Das entspricht nach deren Angaben annähernd 80 Prozent der im Nordatlantik vorkommenden Arten. Gleichzeitig gehören Schiffsverkehr, Unterwasserlärm, Müll und Störungen zu den Belastungen dieser Lebensräume.